Nomaden

Wir konnten’s nicht lassen und sind die kurze Strecke von Msemrir nach Tamtatouchte (siehe Blogpost „Schluchten“) mit dem Quad angegangen. Zunächst einmal sind Heinz mit Quad und Joe hintendrauf und Heike und Uwe mit uns im Bus zum letzten „Restaurant“ vorm Einstieg in die Piste gefahren

Von hier aus sind dann Heinz und ich auf dem Quad weitergefahren. Wir wussten schon vom Restaurantbetreiber, dass weiter oben in den Bergen eine Nomadenfrau mit ihren drei Kindern lebt, aber was wir dann dort vorfanden, hat uns doch die Sprache verschlagen. Etwa 20km nach dem Restaurant im völlig verkarsteten Gebirge kamen uns plötzlich drei Kinder im Alter von etwa 8-10 Jahren entgegengelaufen und wollten uns kleine Fossilien verkaufen.

Fossilien findet man hier in rauen Mengen, vor längerer Zeit war hier mal alles Meer und in dem selbigen haben sich Ammoniten, Trilobiten und alle möglichen anderen Kopffüßer getummelt, bis das Meer entschlossen hat, sich zurückzuziehen, woraufhin die Kopffüßer sich ebenfalls zurückgezogen haben und versteinert sind.

Irgendwann kam dann die Mutter dazu (die der Kinder, nicht der Kopffüßer) und hat uns ebenfalls in ihrem Berberkauderwelsch um Spenden angebettelt, nur hatten wir ja nichts dabei und haben versucht, ihr klarzumachen, dass wir erst zurückfahren müssten, um ein paar Sachen zu holen.

Normalerweise soll man ja die Bettelei der Leute und insbesondere der Kinder hier nicht unterstützen, nur ist es leider nun mal so, dass gerade die Nomaden zu den Outlaws der Gesellschaft gehören, keinerlei Unterstützung erfahren, die Kinder keine Möglichkeit haben, jemals eine Schule von innen zu sehen und wenn man sieht, in welch ärmlichen Verhältnissen die Menschen hier leben, dann geht man gerne mal von seinen Vorsätzen ab.

Die Nomaden leben hier von der Viehzucht und vom Sammeln der wenigen essbaren Kräuter, welche es zu finden gibt. Da nun aber im karstigen Gebirge nichts wächst außer ein paar Wildpflanzen, die zum Teil auch noch entweder sehr stachelig oder sogar giftig sind, gestaltet sich das Leben hier äußerst schwierig. Die wenigen Ziegen und Schafe, die sich im Besitz der Familien befinden, finden auch nicht mehr genügend Futter, so dass es schon an ein Wunder grenzt, wenn die Tiere mal Junge bekommen.

Wir haben uns also größte Mühe gegeben, der Mutter verstehen zu geben, dass wir zwar keine Klamotten dabei haben, aber dass wir wiederkämen und welche mitbringen würden. Darüber hat sie sich so sehr gefreut, dass sie uns erst mal in ihr Nomadenzelt eingeladen hat und uns dort einen Tee anbieten wollte, den wir aber mangels Zeit dankend abgelehnt haben.

Die Behausungen der Berber-Nomaden bestehen aus einem geschlossenen Zelt, die Zeltwände selbst aus gewebten Teppichen. Problematisch wird’s, wenn es regnet, dann regnet es nämlich durch die Zeltwände durch und die Familie sitzt im Nassen. Daher gibt es Ausweichbehausungen in Höhlen, in die sich die Familien im Notfall verkriechen.

Im Zelt selbst befindet sich in der Mitte eine Feuerstelle, welche mangels Kamin die komplette Hütte vernebelt, hinter dem „Wohnraum“ befindet sich dann durch einen Teppich abgetrennt, die Schlafstelle und dahinter, wiederum durch einen Teppich abgetrennt, die Behausung für die Tiere.

Nachdem wir auf unserer Tour noch eine zweite Nomadenfamilie kennengelernt haben, die eigentlich ausschließlich aus Kindern bestand, das Älteste um die 14 Jahre alt, haben wir uns entschlossen, auch in Hinblick auf das schlechter werdende Wetter, den Rückweg anzutreten, auf dem Heinz mich hat fahren lassen – abenteuerlich, mit einem 60 PS-Quad, welches man überhaupt nicht kennt, mit Sozius hintendrauf, eine Strecke zu fahren, die unter aller Sau war und wo es ständig nah am Abgrund  entlang ging. Zu allem Überfluss kam uns auch noch ein Mensch entgegen mit einem Muli am Halfter, welches durch das Motorgeräusch unseres Quads in Panik geriet und kurz davor war, den Abhang hinunter zu stürzen. Abenteuerlich war das!

Abends hat Heinz von allen Mitreisenden alte und nicht mehr benötigte Klamotten zusammengesammelt und ist am nächsten Morgen – es hatte nachts geschneit – wieder mit dem Quad im Schneeregen bei Minusgraden mit seiner Frau Beatrice zu den Nomaden hochgefahren und hat ihnen die Klamotten vorbeigebracht.

Diesmal haben die beiden die Einladung zum Tee angenommen.

Tags drauf sind wir dann zum Erg Chebbi gefahren, einer Art „Mini-Wüste“ in der Nähe von Erfoud mit Blick auf die Grenze zu Algerien. Hier bekommt man mal einen Vorgeschmack auf das, was man sich so im Allgemeinen unter Wüste vorstellt. Dünen, Sand, Dromedare und Steine. Leider auch Unmengen von Touristen, welche sich im Sonnenauf- als auch im Sonnenuntergang von Dromedaren durch die Dünen tragen lassen inklusive unzähliger Verkaufsveranstaltungen während der Reitpausen. Das Ganze ähnelt etwas einer Kaffeefahrt, nur werden hier eben keine Rheumadecken verkauft, sondern Fossilien oder Teppiche oder beides.

Alternativ zum Dromedar-Ritt besteht auch die Möglichkeit, mit dem Jeep durch die Wüste zu fahren, was sich abenteuerlich anhört, de facto allerdings auch nur eine Verkaufsveranstaltung ist, nur eben mit dem Jeep. Leider realisiert man dies allerdings erst, nachdem man bezahlt hat und wenn man schon im Jeep sitzt. Alleine durch die Wüste fahren darf man nicht, sonst hätten wir das mit unserem Bus bzw. mit dem Quad gemacht. Spaß gemacht hat’s mäßig, Gekauft haben wir nichts.

Wir sind auch hier wieder Nomaden über die Füße gefahren, allerdings hatten die mit denen aus dem Atlas-Gebirge rein gar nichts zu tun. Ich hatte den Eindruck, dass die Nomaden hier ihren Status nur der Coolness halber aufrecht erhalten – ihre Hütten werden andauernd von irgendwelchen Touristen besucht und deswegen sammeln sie allen möglichen Nippes und stellen sich gegen Geld für Fotos zur Verfügung. Ich hab den Revoluzzer gemacht und hab’ fotografiert und nichts bezahlt.

Herzlichen Dank an Heinz und Beatrice Nacht, 3098 Schliern, CH, für die Genehmigung zur Veröffentlichung der Fotos von den Nomaden aus dem Atlas-Gebirge.

To be continued ……..

3 Gedanken zu „Nomaden“

  1. Hallo Ihr
    Nahezu nicht vorstellbar dass in diesem Atlasgebirge so karg eine Frau mit 3 Kindern lebt.in diesem Zelt mit Schneeregen.
    Sind sie dort zufrieden oder vielleicht sogar glücklich?
    Nicht einfach sich das vorzustellen.
    Da sind die Nomaden in der genannten Wüste ja Luxusgeschöpfe.
    Was man auch an der Kleidung sieht.
    Auf alle Fälle sooo interessante Bilder.das ist Eine Erfahrung für euch.
    Und wie immer
    Freue ich mich über die teilweise humorvolle Sätze
    Weiter alles Gute
    Vera

  2. Unvorstellbar, dass Menschen so leben. Aber sehr interessant, es dank dieses wunderbaren Blogs mal relativ nah mitzubekommen. Man lebt ja doch in seiner eigenen kleinen Blase hier.
    HEL
    ❤️

  3. Wieder sehr, sehr interessant. Und wunderbare Bilder, die uns aber auch zeigen, wie gut es uns hier geht. Leider hatte ich das gleiche Problem wie Becci, bei den letzten Berichten streikte mein Laptop. Es ging gar nichts mehr. Aber zum Glück kann ich heute wieder an eurer tollen Reise teilhaben. Ganz liebe Grüße aus Melle

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